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HR

Verschleissrate höher als 60%…

26. September 2017
238 Views

Autor: Marcus A. Schildknecht, Marcus Schildknecht CARE

Callcenters sind bekannt für ihre hohe Fluktuationsrate. Zunehmender Zeit- und Erfolgsdruck führen zu wachsendem Stress bei den Mitarbeitenden, dem nicht alle gleich gut gewachsen sind. Wenn es zur Trennung kommt, sollte diese zum Nutzen aller Beteiligten fair, würdevoll und mit ganzheitlichem Blickwinkel gestaltet werden. Denn ein echter Neubeginn braucht einen sorgfältigen Abschied.

Arbeit hat in unserer Gesellschaft einen extrem hohen Stellenwert. Je stärker sich jemand über die Arbeit definiert, desto grösser die Kränkung bei einer Entlassung, desto destruktiver kann das Verhalten von selber kündenden Mitarbeitenden werden. Ältere Angestellte oder schwächer qualifizierte sehen sich mit zusätzlichen Herausforderungen beim Finden einer neuen Arbeit konfrontiert.

Eine extreme Stresssituation

Kommt es zu einer Kündigung – ob von der Firma oder von Mitarbeitenden ausgesprochen – setzen bei vielen Menschen, die keine Anschlusslösung haben, Ängste um die Existenz ein, das Selbstwertgefühl wird rasch auf die Probe gestellt, der feste Boden unter den Füssen verschwindet schneller, als es einem lieb ist. Bis hin zum freie Fall. Die Aktions- und Reaktionsmuster werden vom Stammhirn gesteuert, weil stressbedingt. Folgendes Repertoire steht noch zur Verfügung: angreifen, flüchten, todstellen.

Als überlebenssichernde Massnahmen sinnvoll, um mit der sich darbietenden aktuellen Situation richtig umzugehen, allerdings eine schlechte Voraussetzung. Deshalb: «Lernen Sie Ihre Stressreaktionen frühzeitig in Selbstreflexion und/oder in Zusammenarbeit mit Fachleuten kennen. Dann wissen Sie, wie Sie in anspruchsvollen Momenten funktionieren und worauf Sie achten müssen, um nicht aus der Balance zu geraten.»

Unterschiedliche Perspektiven

Als Arbeitgeber wägen Sie vor einer Kündigung unter anderem deren Effekt auf das Team, dessen Leistung und Dynamik, die Kosten für den allfälligen Ersatz der gekündeten Person und die Auswirkungen auf das Image Ihres Unternehmens ab. Und Sie fragen sich vielleicht nach den Gründen, weshalb es keinen anderen Weg gegeben hat.

Kündigende Personen indes sind am Ende einer Reise der Unzufriedenheit, der mangelnden Motivation für die Arbeitserbringung für das Unternehmen, reicher an Enttäuschungen und Frustrationen. Im betrieblichen Alltag eventuell andeutungsweise gezeigt, offen jedoch kaum kommuniziert.

Unterschiedlicher könnten die Blickwinkel nicht sein. Eine Harmonisierung geschieht da, wo eine Kultur der Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz geschaffen und gelebt wird. Das ist zu Beginn Chefsache. Und dann ein längerer, konsequent zu verfolgender Prozess, der vor allem zu gegenseitiger Bindung und echtem Vertrauen führt.

Ein Blick zurück

Oft entwickelt sich eine berufliche Laufbahn weniger aufgrund vorhandener Talente, sondern vielmehr auf der Basis von vermeintlich logischen Schritten, die ihren Ausgangspunkt bei einem ersten, häufig von aussen gesteuerten, Entscheid haben: der Berufswahl. Diese Weichenstellung ist essenziell. In der Folge verfeinern Menschen durch Spezialisierung die erlernten Fähigkeiten weiter. Das kann über Jahre hinweg sehr gut laufen.

Irgendwann spürt man dann, dass man sich vom eigenen «Ich» wegbewegt hat. Noch lässt sich nicht präzise in Worte fassen, was genau das Unbehagen ausmacht. Man funktioniert (noch). Vielleicht taucht gelegentlich der Wunsch nach Veränderung auf, der gleich wieder verdrängt wird. Dies mit einem leisen Bedauern: «Es ist zu spät, ich kann jetzt nichts mehr ändern, das wäre alles viel zu kompliziert.» Aufmerksame, mitarbeiterorientierte und weitblickende Führungs- und HR-Mitarbeitende erkennen die sich anbahnende Chance und nutzen Sie zusammen mit der angestellten Person.

An dieser Stelle sei unterstützend vermerkt: «Für eine berufliche Neuorientierung ist zu jedem Zeitpunkt im Leben der richtige Moment, nicht erst nach einer Kündigung!» Es ist wichtig und sinnvoll, sich immer wieder auf seine wahren Stärken, Fähigkeiten, Motivationsantreiber und Wünsche zu besinnen – mit allen Konsequenzen, die eine solche Selbstreflexion haben kann.

Der unausweichliche Prozess des Trauerns…

Eine Faustregel besagt, dass der Trauerprozess in Monaten gerechnet so viel Zeit in Anspruch nimmt, wie die eben beendete Beziehung, welcher Art sie auch immer gewesen sein mag, in Jahren gedauert hat. Wenn jemand also fünf Jahre für ein Unternehmen tätig gewesen ist und jetzt entlassen wird, braucht die Person fast ein halbes Jahr für die angemessene Trauer. Warum ist das wichtig? Weil es keinen wirklichen Neuanfang gibt, bevor der Trauerprozess tatsächlich abgeschlossen ist!

Führungskräfte und HR-Fachleute, welche die Stufen des Trauerprozesses kennen, können ihn kompetent begleiten:

  • Am Anfang steht die Verneinung der Situation: «Nein, das kann gar nicht sein!»
  • Dann folgen der Protest und die Wut: «Ich habe doch immer mein Bestes gegeben!» und/oder «Sie hören von meinem Anwalt. Mit mir macht man so etwas nicht!»
  • Die nach aussen oft ruhigere Phase der Traurigkeit und Verlustgefühle führt unter Umständen in den Rückzug. Wer jetzt alleine gelassen wird, hat mit Unsicherheit, Angst und sogar Panik zu kämpfen. Viele Menschen gehen zum Arzt und lassen sich Psychopharmaka verschreiben. Die mindern Symptome, bringen aber keine Lösung.
  • Mit unterstützenden Gesprächen kann der oder die Betroffene eine tiefere Bewusstheit erlangen, kann er oder sie die Situation erst mal richtig verstehen.
  • Daraus folgt der Weg der Akzeptanz: «Ich verstehe, dass dieser Schritt aus der Sicht meines Arbeitgebers die einzige Möglichkeit war und ich akzeptiere, dass es mich getroffen hat. Daraus will ich jetzt etwas machen».
  • Erst diese Haltung führt zu neuer Nähe zu sich selbst und – wenn die Zeit dafür reif ist – zu einem Neubeginn.
  • Den Abschluss des Trauerprozesses bilden die Momente des Verzeihens: «Was geschehen ist, ist OK. Ich habe genauso wenig versagt, wie mein Arbeitgeber» und der Dankbarkeit: «Ich bin sehr froh, dass mir das passiert ist. Heute stehe ich an einem ganz anderen Punkt in meinem Leben. Ich habe viel gelernt.»

… damit ein Neubeginn überhaupt erst möglich wird

Damit ein Trauerprozess gelingen kann, braucht es eine feste Basis, privat genauso wie im Geschäft. Es braucht Zeit, und es braucht in den meisten Fällen Unterstützung. Aus diesem Grund kann es nicht das oberste Ziel einer beruflichen Neuorientierung sein, möglichst schnell wieder eine Arbeit zu haben. Dies gilt insbesondere nach einer Kündigung. Gerade diese Krise sollte als Chance für eine intensive Auseinandersetzung mit sich selber genutzt werden. Eine ausführliche Standortbestimmung, das Erfassen der Kompetenzen, Interessen und Bedürfnissen, die alle Lebensbereiche umfassen, geben die Basis für die gezielte Suche nach einem neuen Arbeitgeber, für eine neue Stelle, an welcher man seine Energie einsetzen möchte.

Am wichtigsten jedoch ist das Vertrauen, das man Zeit schenkt und erfährt. Denn Menschen sind keine Verschleissteile…

 

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