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Glarus erfindet sich «nü»

16. Oktober 2017
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Im Kanton Glarus setzt eine Initiative namens «NüGlarus» zu einer Digitalisierungs-Offensive an. In deren Zentrum: Front-Runner Ralf Luchsinger, CIO der Glarner Kantonalbank. Als Vorstand von «NüGlarus» lancierte er zusammen mit kühnen Mitstreitern die schnellste Datenautobahn der Schweiz – und schafft damit Zukunftschancen für eine Region, deren Glanz vergangen schien.

Glarus. Nur knapp über 40 000 Einwohner zählt der idyllische Bergkanton. Verstreute Bauernhöfe, eindrückliche Berglandschaften und stillgelegte Industriegebäude prägen das Bild des Glarnerlandes, dessen glanzvolle Geschichte einst auf Wasserkraft beruhte. Diese schuf beste Voraussetzungen für die Industrialisierung und eine florierende Textilindustrie.

Globalisierung und eine zu schwache Infrastruktur jenseits der Wasserkraft liessen den Kanton jedoch etwas ins Hintertreffen geraten. Aus der Traum? Keineswegs! Eine engagierte und progressive Truppe rund um Ralf Luchsinger und dem Ökonom Roberto Balmer schloss sich mit der Initiative «NüGlarus» zusammen, um den Kanton auf dem Weg in die digitale Zukunft insbesondere im Bereich von Innovation und Co-Innovation zu unterstützen. «NüGlarus» hat die Vision, bis 2030 gemessen am UBS- Innovationsindex der digitalste und schlankste Kanton zu werden. Ein weiter Weg, wenn man bedenkt, dass Glarus im letzten Jahr den vorletzten Rang unter den Kantonen eingenommen hat.

Aber das kann sich sehr schnell ändern. Denn ausgerechnet der scheinbar verträumte Bergkanton hat mit der «schnellsten und kostengünstigsten Datenautobahn der Alpen» eine Infrastruktur geschaffen, die alle anderen Kantone alt aussehen lässt.

Die 9,6-Terabit-Datenverbindung verschafft dem Kanton die Grundlage für digitale Geschäftsmodelle; KMU, Start-ups und Co-Working Spaces sollen von der zukunftsweisenden Infrastruktur profitieren und dem Kanton zu neuer, digitaler Blüte verhelfen. Die Reaktionszeiten zu den grossen Rechenzentren in Zürich und auf dem ganzen Kontinent erreichen Spitzenwerte im Alpenraum. Programme können neu auf Wunsch so auch direkt in der Cloud betrieben werden, ohne Notwendigkeit von lokaler Software, Server und PC-Infrastruktur. Damit ermöglicht der digitale Kanton den Aufbau von globalen Rechenzentren und einem «Data Valley», in dem Daten sicher gespeichert werden und wo hochspezialisierte Experten Modelle entwerfen, Daten interpretieren sowie neuartige Produkte und künstliche Intelligenzen erschaffen sollen.

Wir trafen den Mitinitiator von «NüGlarus», Ralf Luchsinger, auf der Alp im Bergrestaurant Leuggelen, um mehr über die Visionen des digitalen Vorreiters und die Zukunft des erneuerten Kantons zu erfahren.

Ralf, du bist im Glarnerland aufgewachsen und in der Glarner Kantonalbank beruflich gross geworden. Hättest du dir je träumen lassen, dass euer Unternehmen und der Kanton Vorreiter in der Digitalisierung sein werden?

Ralf Luchsinger: IT ist meine grosse Leidenschaft. Zu Beginn meiner beruflichen Karriere gab es noch nicht viele PCs. Der einzige, der einen hatte – das war ich (lacht). Ich habe schon früh an PCs geschraubt und PCs verkauft. Aber dass diese Bank und dieser Kanton Innovatoren sind, freut mich sehr!

Was braucht es, um Innovator zu sein?

Ein sehr gutes Team, viel Mut und anderes Denken. Ich nenne es das «Grüne-Wiese-Denken», in dessen Zentrum die Frage steht: Was würde ich machen, wenn gar nichts da wäre? Die Digitalisierung ist die Chance, auch für die Industrie im Kanton.

Was bringt dem Kanton die Digitalisierung?

Bis jetzt war es die Wasserkraft, die den Kanton beflügelte. Die Datenautobahn ist ein weiterer Eckpfeiler für eine erfolgreiche Zukunft. Sie ermöglicht es, dass wieder neue Industrien entstehen. Das ist die Hoffnung.

Ein mutiges Unterfangen, eine 9,6-Terabyte-Datenautobahn durch den Kanton zu ziehen. Welches Ziel wird damit verfolgt?

Die schnellste und kostengünstigste Datenautobahn der Alpen soll mindestens gleich lange Spiesse bieten. Üblicherweise nimmt die Qualität der Infrastruktur mit der Bevölkerungsdichte ab. Das Geniale an der Datenautobahn ist, dass sich bis in den hintersten Winkel des Linththals jeder, der an dieser Linie sitzt, etwas abziehen kann. Wenn jemand ein neues Business eröffnen möchte und überlegt, wo die Lebensqualität in Verbindung mit den günstigsten Lebenskosten und die Infrastruktur am besten sind, müsste er auf Glarus Süd kommen! (lacht)

Welche Rolle spielt «NüGlarus» in diesem Kontext?

Die Industriebrachen stehen leer – hier kann man wunderbar digitale Dienste anbieten, denn der Datenverkehr ist gewährleistet. Das sollte ein Marktvorteil sein. Jetzt braucht es noch die kreativen Köpfe, die da mitmachen. «NüGlarus» verfolgt den Ansatz, das Wissen zu verbreiten. Die Glarner Kantonalbank hat die Datenautobahn erfolgreich durch die technischen Betriebe auf den Boden gebracht. Jetzt können davon alle Unternehmen im Kanton profitieren!

Was bedeutet die Digitalisierungs-Offensive für die Glarner Kantonalbank?

Für unsere Mitarbeiter mit mobilen Arbeitsplätzen ist sie bereits seit 2012 spürbar – sie sind jetzt wesentlich schneller. Das erhöht den Komfort und die Produktivität. Unsere Mitarbeiter können überall gleich schnell arbeiten – im Haus und unterwegs. Für die Bank im Allgemeinen und für unsere IT-Architektur ist die Datenautobahn ein Meilenstein. Wir könnten alles in die Cloud legen. Wir haben als erste Bank in Europa eine Private Cloud im Keller mit Microsoft Azure Power und können damit alle Dienstleistungen intern abrufen. Und das müssen wir auch aufgrund der Regulatorien, da die Public Microsoft Cloud nicht in der Schweiz liegt. Aber wir haben die strategische Möglichkeit, Dienste, die nicht unter die Regulatorien fallen, in die Cloud zu legen – und genau dafür braucht es breite, reaktionsschnelle Datenverbindungen.

Welche Dienste könnten das sein?

Ich denke da zum Beispiel an Machine Learning. Wenn wir etwas analysieren wollen, müssen wir die Daten erst anonymisieren, dann analysieren und zurückspielen. Wenn man da keine schnelle Datenleitung hat, macht das wenig Spass. Es ist auch ein Sicherheitsthema: Die neue Leitung ist ein privater Zugang. Wir können eine Direktverbindung ohne öffentliches Internet sicherstellen. Davon hat die Security extrem profitiert.

Profitieren auch die Kunden voneurer sicheren Turboleitung?

Unbedingt! Die Sicherheit dient hauptsächlich unseren Kunden. Kundendaten sind weder abrufbar noch korrumpierbar, weil wir sie nie über das Internet lassen müssen. Bei einer grossen Order entfallen die Latenzzeiten. Auch bei Medien wie Telefonie und Video ist unsere starke Datenverbindung augen- und ohrenscheinlich: Verzögerungen und das Gefühl, dass man einander ins Wort fällt, hängen mit der Latenzzeit zusammen. Diese Verzögerungen sind eine grosse Beeinträchtigung. Mit der neuen Leitung sind sie passé. Unsere technischen Betriebe haben mit dem Partner HIAG DATA die beiden grossen Internet-Hubs Frankfurt und Mailand mit höchstem Speed verbunden. Das ist beispielsweise wichtig für den Börsenhandel. Wir sind jetzt gleich schnell wie jemand, der in Frankfurt sitzt – ohne Verzögerung, ohne Latenz.

Welche Vorteile erwartest du in punkto neue Geschäftsmodelle, Daten, Innovationen für die Zukunft?

Ich glaube an eine datengetriebene, Software-basierte Zukunft. Grundlage dafür ist, dass man die Daten schnell senden und empfangen kann. Daraus werden sich neue Services entwickeln.

Apropos Zukunft: Welche Möglichkeiten erschliessen sich aus der Cloud?

Bei der Glarner Kantonalbank beispielsweise sind wir hybrid aufgestellt mit einer auf Microsoft Azure basierenden Private Cloud im Keller und im Notfallrechenzentrum. Damit sind wir für Big Data, Machine Learning und analytisches CRM usw. gerüstet. Die Authentifizierung, Überwachung, Konsolidierung, Testloads, anonymisierte oder aggregierte Datenanalysen machen wir in der Microsoft Cloud. Wir bedienen mit unserer Private Cloud auch neue Konstrukte wie unsere Kreditfabrik.

Gibt es bereits erste Erfolge mit der Initiative «NüGlarus»?

Oh ja! Aktuell werden in den grossen Industriebrachen Ideen verfolgt, um zum Beispiel kostengünstiges Hosting anzubieten. Die Mieten sind tief, die Datenanbindung hervorragend, und wenn man als eine Möglichkeit die Rechner nicht stapelt, brauchen sie auch keine Kühlung – das spart Geld. Auch Co-Working Spaces siedeln sich dank unserer schnellen Datenleitung an. Ein Giga frei Haus – da kann schnell und effizient gearbeitet werden! Mit weiteren Unternehmen, bei welchen die Netzwerkverträge langsam auslaufen, finden bereits Diskussionen statt. Viele sind interessiert, an eine so starke Leitung ranzukommen.

Wie treibt «NüGlarus» das voran?

«NüGlarus» setzt sich für ein innovatives Glarnerland ein. Mit dem Gefäss der Datenautobahn kann das Marktgebiet gestärkt werden. Viele Unternehmen betreiben ihr Rechenzentrum lokal, obwohl sie es nicht müssten. Das ist riskant! Einige KMU haben keine eigene IT. Die Informatikfirmen in Glarus wissen, wo die Reise hingeht. Gegen Office 365 ist kein Kraut gewachsen. So günstig kann intern niemand produzieren. Zudem ist die Skalierung ein Riesenvorteil der Cloud.

Welche Chancen ergeben sich für Contactcenter, Co-Working, neue Zusammenarbeitsmodelle im digitalen Glarnerland?

Da habe ich eine klare Meinung dazu: Co-Working ist besser als Home Office. Der Austausch mit anderen ist essenziell für den Erfolg. Nachdem die Steuern für Innovationen von Start-ups gesenkt werden konnten, haben der Start-up-Inkubator LinkLabs oder auch der Co-Working-Anbieter «Ungleich» bessere Chancen. Die Voraussetzungen für Co-Innovation sind geschaffen. Bestehende Firmen sollen nicht überholt werden, neue Firmen sollen mit perfekter Infrastruktur, hoher Lebensqualität und tiefen Kosten angelockt werden. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! Das können Contactcenter sein, die neue spannende Technologien entwickeln, oder spezialisierte Hightech-Firmen, die mit Engineering und Automatisierung Höchstleistungen erzielen, wie der Zulieferer von Tesla im Glarnerland zeigt. Wir sind jetzt mit der Welt schneller verbunden – und die Welt mit uns.

Was plant «NüGlarus» für die Zukunft?

Wir wollen Gedankenführer und CIOs zum Austausch zusammenbringen, Gruppenbilder clustern, Ideen einbringen und einen Co-Innovation Channel eröffnen, mit welchem wir von der Theorie zu konkreten Umsetzungspunkten gelangen. Die Start-up-Initiative trägt bereits erste Früchte: Der Inkubator LinkLabs hat das ehemalige Eternit Gebäude bezogen. Das wird weitere Start-ups anziehen.

 

Mehr erfahren: www.nüglarus.ch

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